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InsurTech Insights London 2026: 8 Takeaways zur AI-Adoption in der Versicherung

InsurTech Insights London März 2026 – AI-Adoption in der Versicherung
25Mrz
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  • Konferenz, Strategie, Versicherung

InsurTech Insights London 2026: 8 Takeaways zur AI-Adoption in der Versicherung

Die InsurTech Insights London im März 2026 hat deutlich gemacht: Die Versicherungsbranche steht nicht mehr vor der Frage „ob AI", sondern „wie schnell und wie umfassend". Besonders die Keynote aus dem Schweizer Versicherungsumfeld – rund um die viel beachtete „AI 360"-Strategie der Zurich Insurance Group – lieferte eine Blaupause, die weit über Zurich hinaus relevant ist. Wir fassen die 8 wichtigsten Takeaways für Schweizer Versicherer und Rückversicherer zusammen.

1. Wenn AI im Kern eines Produkts ankommt, verändert sie Branchen in Rekordzeit

Ein eindrückliches Beispiel aus der Keynote: Eine chinesische Robotikfirma zeigte 2025 eine Gala-Show mit tanzenden Robotern – beeindruckend, aber jede Bewegung war vorprogrammiert. Nur 12 Monate später führt dieselbe Firma dieselbe Show auf – diesmal mit Robotern, die durch Reinforcement Learning und Imitation Learning agieren. Bewegungen werden nicht mehr programmiert, sondern aus Videos autonom erlernt. Fünf Stunden Videomaterial reichen, damit der Roboter Tennis spielt. Die Lehre: Sobald AI nicht mehr ein Werkzeug am Rand, sondern im Kern eines Produkts sitzt, wird die Veränderung dramatisch.

2. Von ChatGPT zu Agentic AI in drei Jahren – exponentielle Beschleunigung

Die Progression der letzten drei Jahre ist historisch beispiellos:

  • April 2022: ChatGPT-3.5 macht LLMs für eine breite Nutzerschaft greifbar.
  • 2023–2024: Multimodalität (Text + Bild + Audio) wird Standard.
  • 2024–2025: Reasoning-Modelle verwandeln Textprädiktion in eine Art digitales Analystenteam, das Schritt für Schritt denkt.
  • 2025–2026: Agentic AI handelt eigenständig, führt Aufgaben aus, orchestriert Tools.

Der entscheidende Unterschied zu früheren Technologiesprüngen: AI baut AI besser. Strom und Dampfmaschine konnten sich nicht selbst verbessern – AI schon. Die Verbreitung folgt zudem einem neuen Muster: Weltweit rund eine Milliarde Wochen-Aktiver in drei Jahren, und erstmals setzt sich eine Basistechnologie global gleichzeitig durch, nicht erst in den USA, dann im Rest der Welt.

3. SaaS unter Druck: Das ARR-Modell wird hinterfragt

Mit der Veröffentlichung von Anthropic's „Skills" für Claude im Februar 2026 haben die Aktienkurse vieler SaaS-Anbieter deutlich reagiert. Der Grund: Wenn agentische AI Standard-Workflows in natürlicher Sprache autonom erledigen kann, wird die Annahme hinter dem klassischen SaaS-Modell – Lizenzkosten als Proxy für zukünftigen Cashflow via Annual Recurring Revenue – brüchig. Ob das SaaS-Utopie oder -Untergang ist, wird sich zeigen. Klar ist: Die etablierten SaaS-Player bauen selbst mit Hochdruck agentische Schichten ein, um relevant zu bleiben.

4. AI ist Risiko-Verstärker – und zugleich Chance

Der World Economic Forum Global Risks Report 2026 führt AI nicht als eigenes Top-Risiko, sondern als Verstärker über praktisch alle Risiken hinweg: Geopolitik (Chip-Sanktionen, Handels-Restriktionen), Des-/Misinformation, gesellschaftliche Polarisierung. Gleichzeitig sind AI-Chancen real – aber heute primär auf Individualebene eingelöst:

„Individuen nutzen AI, weil sie können. Institutionen nutzen AI, wenn sie bereit sind."

Die zentrale Frage für Versicherer lautet: Wie werden wir als Institution bereit – und zwar schnell genug?

5. Die Antwort: ein durchgehendes Framework wie Zurich's „AI 360"

Zurich's AI-Strategie adressiert drei Dimensionen gleichzeitig – Ressourcen, Workforce, Technologie – und spannt sich über drei Zeithorizonte:

  • AI für jeden (inkrementell, sofort): rollenbasierte Tools, Trainings und einfache Agent-Bauweise. Jeder Mitarbeitende spart „ein paar Stunden pro Woche" – wertvoll, aber alleine nicht transformational.
  • AI im Kern (transformational, jetzt): Underwriting, Claims, Customer Service werden End-to-End neu gedacht. Hier entsteht der echte Return on AI – nicht bei isolierten digitalen Inseln.
  • AI für die Zukunft (mit Fantasie, für morgen): neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services, die ohne AI undenkbar wären. Wer hier keine dedizierten Ressourcen allokiert, überlässt anderen die Nachfolge.

Unterbaut werden die drei Dimensionen durch ein AI Foundation Layer mit vier Governance-Prinzipien – „STAR":

  • Secure – Sicherheit in Modellen, Daten, Infrastruktur.
  • Transparent – nachvollziehbar, wann und wie AI eingesetzt wird.
  • Accountable – klare Verantwortlichkeiten für Entscheidungen.
  • Reliable – Antworten, die man vertrauen und zurückverfolgen kann.

Dazu kommen auf technischer Seite vier Bausteine, die alle gleichzeitig tragen müssen: Modelle, Datenqualität, offene Konnektivität zwischen Kernsystemen und skalierbare Infrastruktur. Fehlt einer, scheitert der Rollout.

6. Return on AI (ROAI): strukturiert statt linear

Einer der schärfsten Sätze der Keynote: Return on AI entsteht nicht durch einzelne Pilotprojekte, sondern durch einen Portfolio-Ansatz. Das vorgestellte Playbook folgt einem klaren Muster:

  1. Geschäftswert an der Wertschöpfungskette aufriss­festellen – nicht an der Technologie.
  2. Opportunitäten grossschätzen und systematisch priorisieren (Council / Committee).
  3. Technische und organisatorische Readiness prüfen.
  4. Agile Lieferung in Squads, weil klassisches Projektmanagement die Volatilität nicht abbildet.
  5. Komponenten wiederverwenden – nicht ganze Lösungen kopieren. So entsteht Skalierung.

Der MIT-Report 2025 zeigt, dass die meisten Institutionen noch nicht den erhofften Benefit realisieren – meistens genau deshalb, weil diese Struktur fehlt.

7. AI nimmt keine Jobs weg – AI nimmt Tasks weg

Dieser Gedanke ist für Schweizer Führungskräfte zentral. Wer AI als Werkzeug verteilt und erwartet, dass die Mitarbeitenden „ein paar Stunden pro Woche" effizienter werden, wird auf Institutionsebene keine messbaren Ergebnisse sehen. Der Hebel liegt im Rebundling: Wenn AI einzelne Tasks übernimmt, müssen Jobs neu gebündelt werden – zu neuen Rollen mit neuem Urteilsvermögen, neuen Verantwortungen, neuen KPIs.

Für die Workforce bedeutet das: Prompting lernen ist der Anfang, nicht das Ziel. Wichtiger wird Adaptability und Judgment – zu wissen, wann man AI nicht einsetzt, Bias und Anomalien erkennen, Antworten hinterfragen. Intelligenz wird zunehmend commoditisiert – Urteilsvermögen bleibt menschlich.

8. Die Organisation der Zukunft: Architekten, Koordinatoren, digitale Arbeiter

Mid- und Back-Office werden schlanker, weil ein grosser Teil der repetitiven Arbeit von digitalen Agenten erledigt wird. Das verändert die Rolle des Managers grundsätzlich:

  • Der Manager wird zum Architekten hybrider Workflows aus Mensch und AI.
  • Mitarbeitende werden zu Koordinatoren und Dirigenten von Agenten-Teams.
  • Führungskräfte müssen lernen, einen Workforce-Teil zu führen, den sie nie physisch sehen.

Die frei werdenden Ressourcen können an Stellen mit echter Wertschöpfung reallokiert werden – voraussetzt, das Rebundling aus Takeaway 7 wurde konsequent umgesetzt.

Was das für Schweizer Versicherer bedeutet – Aprova's Perspektive

Aus unserer Projektpraxis in Schweizer Versicherern und Rückversicherern sehen wir drei Ableitungen besonders deutlich:

  • Wer DSG/DSGVO und STAR zusammendenkt, spart Jahre. Governance ist kein Nachgedanke – sie gehört von Tag 1 in die Architektur. Unsere Erfahrung dazu haben wir im Beitrag DSG-konforme LLM-Architekturen zusammengefasst.
  • „AI im Kern" ist kein Slogan, sondern eine Architektur-Entscheidung. Das zeigt unsere Case Study zum Underwriter Co-Pilot in der Rückversicherung: Nur wenn AI end-to-end in den Workflow eingebettet ist, entsteht messbarer ROI.
  • Rebundling braucht einen Change-Partner, nicht nur einen Tech-Partner. Wir liefern beides – Schweizer Lead-Consultants vor Ort und Nearshore-Engineering für Skalierung. Details zum hybriden Delivery-Modell.

Die Keynote endete mit einem adaptierten Wayne-Gretzky-Zitat: „Skate to where the puck is going" – mit dem Zusatz: Diesmal wissen wir nicht einmal sicher, ob es in fünf Jahren noch ein Puck oder noch Eishockey ist. Die Antwort darauf ist kein Masterplan, sondern ein strukturierter, adaptiver Ansatz. Genau darin sehen wir bei Aprova unseren Auftrag.