
Die InsurTech Insights London im März 2026 hat deutlich gemacht: Die Versicherungsbranche steht nicht mehr vor der Frage „ob AI", sondern „wie schnell und wie umfassend". Besonders die Keynote aus dem Schweizer Versicherungsumfeld – rund um die viel beachtete „AI 360"-Strategie der Zurich Insurance Group – lieferte eine Blaupause, die weit über Zurich hinaus relevant ist. Wir fassen die 8 wichtigsten Takeaways für Schweizer Versicherer und Rückversicherer zusammen.
Ein eindrückliches Beispiel aus der Keynote: Eine chinesische Robotikfirma zeigte 2025 eine Gala-Show mit tanzenden Robotern – beeindruckend, aber jede Bewegung war vorprogrammiert. Nur 12 Monate später führt dieselbe Firma dieselbe Show auf – diesmal mit Robotern, die durch Reinforcement Learning und Imitation Learning agieren. Bewegungen werden nicht mehr programmiert, sondern aus Videos autonom erlernt. Fünf Stunden Videomaterial reichen, damit der Roboter Tennis spielt. Die Lehre: Sobald AI nicht mehr ein Werkzeug am Rand, sondern im Kern eines Produkts sitzt, wird die Veränderung dramatisch.
Die Progression der letzten drei Jahre ist historisch beispiellos:
Der entscheidende Unterschied zu früheren Technologiesprüngen: AI baut AI besser. Strom und Dampfmaschine konnten sich nicht selbst verbessern – AI schon. Die Verbreitung folgt zudem einem neuen Muster: Weltweit rund eine Milliarde Wochen-Aktiver in drei Jahren, und erstmals setzt sich eine Basistechnologie global gleichzeitig durch, nicht erst in den USA, dann im Rest der Welt.
Mit der Veröffentlichung von Anthropic's „Skills" für Claude im Februar 2026 haben die Aktienkurse vieler SaaS-Anbieter deutlich reagiert. Der Grund: Wenn agentische AI Standard-Workflows in natürlicher Sprache autonom erledigen kann, wird die Annahme hinter dem klassischen SaaS-Modell – Lizenzkosten als Proxy für zukünftigen Cashflow via Annual Recurring Revenue – brüchig. Ob das SaaS-Utopie oder -Untergang ist, wird sich zeigen. Klar ist: Die etablierten SaaS-Player bauen selbst mit Hochdruck agentische Schichten ein, um relevant zu bleiben.
Der World Economic Forum Global Risks Report 2026 führt AI nicht als eigenes Top-Risiko, sondern als Verstärker über praktisch alle Risiken hinweg: Geopolitik (Chip-Sanktionen, Handels-Restriktionen), Des-/Misinformation, gesellschaftliche Polarisierung. Gleichzeitig sind AI-Chancen real – aber heute primär auf Individualebene eingelöst:
„Individuen nutzen AI, weil sie können. Institutionen nutzen AI, wenn sie bereit sind."
Die zentrale Frage für Versicherer lautet: Wie werden wir als Institution bereit – und zwar schnell genug?
Zurich's AI-Strategie adressiert drei Dimensionen gleichzeitig – Ressourcen, Workforce, Technologie – und spannt sich über drei Zeithorizonte:
Unterbaut werden die drei Dimensionen durch ein AI Foundation Layer mit vier Governance-Prinzipien – „STAR":
Dazu kommen auf technischer Seite vier Bausteine, die alle gleichzeitig tragen müssen: Modelle, Datenqualität, offene Konnektivität zwischen Kernsystemen und skalierbare Infrastruktur. Fehlt einer, scheitert der Rollout.
Einer der schärfsten Sätze der Keynote: Return on AI entsteht nicht durch einzelne Pilotprojekte, sondern durch einen Portfolio-Ansatz. Das vorgestellte Playbook folgt einem klaren Muster:
Der MIT-Report 2025 zeigt, dass die meisten Institutionen noch nicht den erhofften Benefit realisieren – meistens genau deshalb, weil diese Struktur fehlt.
Dieser Gedanke ist für Schweizer Führungskräfte zentral. Wer AI als Werkzeug verteilt und erwartet, dass die Mitarbeitenden „ein paar Stunden pro Woche" effizienter werden, wird auf Institutionsebene keine messbaren Ergebnisse sehen. Der Hebel liegt im Rebundling: Wenn AI einzelne Tasks übernimmt, müssen Jobs neu gebündelt werden – zu neuen Rollen mit neuem Urteilsvermögen, neuen Verantwortungen, neuen KPIs.
Für die Workforce bedeutet das: Prompting lernen ist der Anfang, nicht das Ziel. Wichtiger wird Adaptability und Judgment – zu wissen, wann man AI nicht einsetzt, Bias und Anomalien erkennen, Antworten hinterfragen. Intelligenz wird zunehmend commoditisiert – Urteilsvermögen bleibt menschlich.
Mid- und Back-Office werden schlanker, weil ein grosser Teil der repetitiven Arbeit von digitalen Agenten erledigt wird. Das verändert die Rolle des Managers grundsätzlich:
Die frei werdenden Ressourcen können an Stellen mit echter Wertschöpfung reallokiert werden – voraussetzt, das Rebundling aus Takeaway 7 wurde konsequent umgesetzt.
Aus unserer Projektpraxis in Schweizer Versicherern und Rückversicherern sehen wir drei Ableitungen besonders deutlich:
Die Keynote endete mit einem adaptierten Wayne-Gretzky-Zitat: „Skate to where the puck is going" – mit dem Zusatz: Diesmal wissen wir nicht einmal sicher, ob es in fünf Jahren noch ein Puck oder noch Eishockey ist. Die Antwort darauf ist kein Masterplan, sondern ein strukturierter, adaptiver Ansatz. Genau darin sehen wir bei Aprova unseren Auftrag.